Samstag, 20. Juli 2013

Der Hype mit den Spenden....sehr kritische Anmerkungen von Schwester Erna Nörgelhuber

Jepp - vorab - ja, ich hab ein gestörtes Verhältnis zu Spendenaktionen.

"Alt"Kleiderspenden.
Spenden für arme Negerkindlein... (das Wort meiner Kindheit habe ich jetzt mit Absicht gewählt, weil: die Bilder im TV vermitteln das)
Spenden für Kätzelein, die ganz plötzlich vom Balkon fallen und operiert oder auch nicht werden müssen oder Spenden für obskure Heilungsmethoden...

Na ja, so weit, so gut, und wer darauf hereinfällt, selber Schuld.

Aber der neueste Trend ist ja wohl mal wieder Krebs und undefinierbare Gehirntumore.

Bei einigen unserer Geschäftsleute hängt seit einigen Tagen eine s/w Kopie aus mit einem hübschen Lockenköpfchen, welches von einem Hirntumor heimgesucht wurde und nun dringend einer Behandlung in einer Privatklinik bedarf (warum, wird nicht erklärt).
Natürlich übernimmt die böse Krankenkasse (OK - manchmal sind die echt bös, aber hallo ...) die Kosten nicht, also erbittet man (Ja, wer denn eigentlich?) um Geldspenden an Konto (siehe Foto)

Ich geh nachher gleich noch einmal hin und mach ein Foto, damit dem Lockenköpfchen (vielleicht? Dann gerne!) und seinen Erwachsenen (wahrscheinliche eher?) geholfen wird - dem Reinen ist alles rein, der Reinen auch.

Warum nachher?

Und jetzt wird es wieder übel.
Sorry Misburg.

Ich gebe ja zu, dass unsere omamo noch nie etwas in jenem Fachladen gekauft hat - mein Gott, die bekommt ihre Fach*** halt schneller und einfacher im Internet.

Aber jener Händler, der hier seit Jahren etabliert ist, hat seine Kundschaft, sonst würde er ja nicht mehr existieren. Und das ist auch gut so. Immer nur 1 € Läden und KiK und Mäc Geiz usw. und nun macht auch noch unser Kietz-Kaufhaus zu....

Nur - er hat es nicht drauf, mal ein freundliches Gesicht zu machen.

Vielleicht muss man dazu erst etwas bei ihm kaufen.

OK - das ist ja nicht mein Problem, wie jener Händler seinen Laden führt oder mit seinen Mitmenschen und potentiellen Kunden umgeht.
Ich musste nur grinsen, als ich ein dickes rotes Plakat in seinem Fenster sah "Wir zahlen Steuern!" (zumindest hier am Ort und nicht an irgendwelchen Internetstandorten) -
Junge, wenn Du ein wenig netter wärest, würden meine Mädels auch mal bei dir kaufen anstatt im Internet.

Aber heute abend ist mir so ganz leise der Kragen geplatzt.
Da habe ich mir mal ein Herz gefasst und gefragt, was es denn mit dem Lockenkopf auf sich hätte.
Das DIN A 4 Papier hängt nämlich bei ihm seit vielen Tagen öffentlich im Fenster:

Öffentlicher Aushang in wenigen Schaufestern
 "Hallo - Entschuldigung, ich hätte da mal eine Frage..."
entnervter Blick, wie üblich auf Abwehr gestellt.
Aber er guckt zumindest in meine Richtung.
"Hier hängt ein Spendenaufruf bei Ihnen im Fenster - warum kann der kleine denn nur durch den Aufenthalt in einer Privatklinik gerettet werden?"
"weiß ich nicht"
" Ja - hier steht nichts darüber, und ich würde ja gerne helfen - aber dann würde ich schon gerne mal wissen warum und wieso - haben Sie denn nicht mal gefragt?"
Nein, er überprüfe das nicht.
"Ach - sie hängen das einfach so hin?"
"Ja."


Und damit blendete er mich abrupt aus und wandte sich wieder irgendwelchen Sortierarbeiten zu.
Hatte wohl keinen Bock auf ein ehrliches Gespräch... Na ja, ein kauziger Zeitgenosse halt....
Ob ihm da auf  Dauer sein knallrotes "Wir zahlen Steuern"-Plakat hilft?
Oder ob das nicht eher auch ein verkappter kommerzieller Spendenaufruf ist?
Ne, also dem werden meine Mädels bestimmt nicht Umsatz bescheren - nicht nach diesem Gespräch.

Aber ich bin ja nur ne alte Krankenschwester.
Mit (angeblich) "Haare auffe Zähne".

Jetzt frag ich mich - darf man das eigentlich, solche Aufrufe veröffentlichen und dann darauf hoffen, dass sich Dumme finden, die tatsächlich Geld überweisen?

Ich kann ja personenbezogene Aufrufe zu Knochenmark-Spenden verstehen, das macht Sinn. Und dabei geht es nicht um Geld, sondern um direkte Hilfsbereitschaft.
Von mir darf man auch meine möglicherweise noch verwertbaren Ersatzteile verwenden - als Sachspende, wenn ich mal abtrete. 

Vielleicht sollte mo mal einen Aufruf starten, dass sie um Spenden bittet, damit sie sich ihre Behandlung, die nur in Thailand durchgeführt werden kann, leisten kann - ich würde es sogar begründen damit, dass die Kasse so eine Therapie nicht bezahlt.
(Sonne und Siam überhaupt ist der Gesundbrunnen gegen  Depri samt Schuppenflechte...- ist also nicht mal gelogen)

Oder - auch nicht gelogen - bitte für mo's herzigen kleinen Hund (Bild von Merlin im Kindchen-Schema) um Spenden, da die Operation, die er aufgrund einer gefährlichen aggressiven Entgleisung des Hormonhaushaltes dringend benötigt, für sie unerschwinglich ist (sie will den kleinen Testosteron-Kerl einfach irgendwann mal kastrieren lassen).

So irgendwie, auch wenn ich so durchs Internet schaue, sind Spendenaktionen derzeit aufgrund von meist Krebserkrankungen absolut in, zumal wenn es sich um obskure Therapien handelt, die nachweislich für den Patienten therapeutisch nutzlos (aber für den Firmeninhaber finanziell nützlich) sind.

So z.B. Brustkrebs - rechtzeitig erkannt (Eigen- und Vorsorgeuntersuchungen), kann er geheilt werden.
Aber wenn er bereits Metastasen gebildet hat - nun, da helfen dann wohl keine Vitamine mehr.
Eher eine gezielte professionell psychische Betreuung im Verbund mit neuesten aktuellen erprobten Therapien, also OP und - leider auch - Chemo.
Aber dazu bedarf es keiner Spendenaktion.
Das zahlen die Krankenkassen.
So mal als Beispiel.

Wobei - wenn ich als Privatmensch für mich ein "Spendenkonto" einrichte (oder einrichten lasse), gelten die eingehenden "Spenden" als Einkommen und müssen dementsprechend versteuert werden.
Da Betteln nicht verboten ist, ist das zumindest rechtlich legitim.
(Gilt z.B. auch für den Spendenaufruf oben).

Nur - wenn solche Geldspenden zweckentfremdet verwendet werden - also für einen anderen als den im Aufruf angegebenen Zweck - dann wird es rechtlich schwierig... und das wiederum kommt dann mit allen nachfolgenden Konsequenzen zum Tragen, wenn die Steuererklärung fällig wird.
(Also immer schön Qittungen und Belege abheften!)

Und wer keine Steuererklärungen machen muss, weil er z.B. ALG II bekommt (=Hartz 4), der muss ganz, ganz vorsichtig sein...das kann böse enden, wenn er die Einnahmen nicht beim Amt angibt.

Also immer erst schön recherchieren, bevor Ihr Bettel Spendenaufrufe  ins Netz stellt, egal, auf welcher Platform!
Und Ihr Spender/innen - erst recherchieren, dann denken und dann erst spenden!

Und dann trifft es auch immer die Richtigen (hoffentlich).


Klingt vielleicht so auf den ersten Lese-Blick etwas herzlos, ist es aber nicht.
Ich bin absolut für Spenden, sofern deren Zweck transparent vermittelt und auch nachgewiesen wird.

Liebe Grüße
Erna Nörgelhuber, Krankenschwester und Unternehmerin i.R.


Nachtrag (aktuell):

Mit Erstaunen berichtete eben Frau mo, zurückgekehrt vom abendlichen Gassigang, dass das beanstandete Lockenkopf-Spendenplakat von der Schaufensterscheibe (innen) entfernt wurde.

Wir sind uns nun nicht ganz klar, ob besagter Händler einen Tipp aus der Misburger Lesergemeinde (i.d.R. nicht als Leser dieses Blogs registriert, die lesen heimlich... auch o.k....) erhalten oder dann doch, nachdem die kritische Bürgerin außer Sichtweite war, mal das Denken wieder eingeschaltet hat?

Aber lasse ich mal das Spekulieren - auf jeden Fall ist der Zettel weg und der Händler wird sich zukünftig vielleicht überlegen, welche Aushänge er in seinen Schaufenstern anbringt.

Also, Leute - macht Euch stark - auch mal einfach  in der Nachbarschaft...



Kommentare:

  1. Erna, Sie sprechen .... äääh, schreiben mir aus der Seele.

    Was mich bei solchen Spendenaufrufen am meißten ärgert ist, dass ich mittlerweile so kritisch geworden bin, dass ich gar nicht mehr spende. Zumindest nicht mehr über irgendwelche Organisationen. Absolut nur noch da, wo ich es selber nachverfolgen kann. Also quasi vor Ort ....
    Ausgelöst durch solch ja eigentlich lieb gemeinte Spendenaufrufe, die aber immer öfter doch in falsche Bahnen laufen bzw zweckentfremdet werden und deren Zweck ich so nicht unterstützt hätte.

    Nun, Vorteil: die ortsansässigen Hilfebedürftigen haben ordentlich etwas davon. Das hat ja auch was. Da freu ich mich dann auch drüber.

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    1. Wie gut, dass Du so kritisch geworden bist.Leider gibt es immer noch zu viele Menschen, die solchen Aufrufen auf den Leim gehen (oder sich toll finden, wenn sie bei solchen gezielten Kampagnen mitmachen... kann man sich ja öffentlich als Gutmensch profilieren...)
      Helfen - Ja, immer.
      Für dumm verkaufen lassen (und echte Bedürftige damit schädigen) - Nie und Nimmer.

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  2. danke Erna. Und wenn ausreichend Spenden gesammelt sind, alleine nach Thailand reisen geht ja mal gar nicht. Was da alles passieren kann. Alles klar?

    Ja, da wird gesammelt für Kühe, die gesagt haben, dass sie nicht sterben wollen und für Katzen und Kanarienvögel und es wird nicht nachgefragt und wenn doch, dann ist der Nachfragende herzlos.

    Da wird gespendet für die Tafel und manch einer, der sein Geld schwer verdienen muss staunt angesichts der Vielfalt, die dort geboten wird. Und die, denen es zugute kommen soll rümpfen die Nase, weil ihnen die Sachen nicht gut genug sind.

    Danke Erna für Deine offenen und ehrlichen Worte.

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    1. OK, dann sammeln wir ein wenig länger und Du kommst mit.
      Allerdings das, was Du über die Tafeln bzw. deren Nutzer schreibst, dazu kann ich nichts sagen - eigentlich denke ich, da geht doch eh nur hin, wer sie zu schätzen weiß (und natürlich braucht).
      Oder?

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  3. Erna Nörgelhuber. Der Name ist ja lustig. :-) Zu Spendenaufrufen kann ich eigentlich nicht viel sagen, da sie mir noch nie wo aufgefallen sind. Aber ich weiß einen nette Geschichte dazu: Mein Mann und ich in Indien. Ich gebe da prinzipiell nichts den Bettlern, denn wenn ich einem etwas gebe, rennt die ganze Bettlerclique hinterher und lässt einem nicht mehr los. Da habe ich so manchen Westerner schon in Bedrängnis gesehen. Anders mein Mann. Ohne Rücksicht auf Verluste verteilt er fleissig seine Paisas auch gegen meinen guten Ratschlag es nicht zu tun. In Delhi haut ihn wieder einer um Geld an. Und er hat nur einen 100 Rupenschein. Also sagt er, es täte ihm sehr leid, aber er hat nur einen 100 Rupieschein, was vor 30 Jahren noch viel Geld war. Darauf der Bettler: "Kein Problem ich kann wechseln." und holt ein Bündel Banknoten aus seiner Tasche. :-) ...danach hörte er auf meinen Ratschlag...

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