... da sitze ich mit einem von mir betreuten Patienten seit 08:00 Uhr in der Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover.
Und, wie das so üblich ist an manchen Tagen, es zieht und zieht sich und dur wirst hierhin geschickt und dahin und dann immer wieder zurück in die kleine Wartehalle, bis die nächste Ansage kommt...
Heute waren es insgesamt 4 Stunden.
Nüchtern nactürlich (also ohne Frühstück) - ne, nicht aus Solidarität mit dem Patienten, sondern weil ich bis 07:30 noch keinen festen Bissen runterbringe.
Und während mein Pateinet wenigstens zwischendurch untersucht, gemessen und ge-echot wurde, kümmerte sich kein Schwein um mich.
Ich wechselte nur zwischen hartem Plastikstuhl im Erdgeschoss zu dem im 2. Stock und dann wieder Erdgeschoss...
Und auch, wenn ich mittlerweile etliche Kilos zugelegt habe und eigentlich insofern eine körpereigene Polsterung auf der Sitzfläche habe, hilft das gar nix.
Dein Rücken fängt an, sich zu beschweren, die Füße werden immer wärmer und größer und es ist einfach auch nur stinklangweilig.
Also hatte ich mir in weiser Voraussicht das gestern abgebildete Filzbild und etliche Garne mitgenommen. Aber es machte keinen Spaß, und mir fehlte auch die heimische Farbauswahl - ergo gab ich es wieder auf.
Man unterhält sich ja auch nicht in solchen Wartezonen... zumindest nicht mit anderen, fremden Leuten. Man stiert vor sich hin oder befummelt sein Smartphone oder hat auch ne eigene Zeitschrift mitgebracht.
Und dann wird der Mensch neben dir wieder aufgerufen, noch mal ein EKG... und steht auf und tapert Richtung Raum 2 und er merkt nicht, dass seine Hose rutscht und man 1/4 bloßes Hinterteil sehen kann....
Was tun? Ich kann doch jetzt nicht rufen "ziehen Sie ihre Hose hoch, man sieht den Hintern!"...
Es scheint aber niemand zu merken, also mache ich die Augen zu und versetze mich an einen wunderschönen Ort, fern von hier... Meeresrauschen, unendlicher Sandstrand...
Er kommt wieder zurück und ich raune ihm zu: "Sie müssen ihre Hose hochziehen, die rutscht und man sieht die Pobacken!"
"Hä??"
Ich raune ein zweites mal.
"Hä??? Ich höre sie nicht!"
Cool bleiben, lächeln und beschwichtigend abwinken.
Und den Hausarzt demnächst um eine Überweisung zum Ohrenarzt bitten.
Dann Aufruf ab zum "Echo" - und im Fahrstuhl brülle ich ihn dann an, dass seine Hose unsittlich nach unten rutscht und er sie festhalten solle, sobald er aufsteht.
Er verstand, warum ich ihm das unten in dem Warteraum nicht zubrüllen konnte und verspricht Besserung.
Wieder 45 Minuten auf so einer harten Designer-Sitzschale herumgerutscht (alles schick neu und modern gemacht), dann wieder runter in die kleine Wartehalle.
Auf den Hartschalensitz.
Es menschelt langsam.
Gespräche zwischen Leidensgenossen kommen auf.
Der mir gegenüber erkundigt sich, warum ich mein Strickzeug mitgebracht hätte, aber es nicht gebrauchen würde?
Der Typ ist vielleicht 30, harmlos und beflissen freundlich.
Ich lächele zurück und erkläre, dass es eine Stickerei (ohne R) sei, ich bereits gestickt hätte und mir nun ein paar Farben, also Stickgarnfarben, fehlen würden.
Er wollte es dann sehen, war sehr beeindruckt (aber nicht erschrocken) und folgerte dann richtig, dass ich das so ganz aus dem Kopf und ohne Vorzeichnung machen und dann auf einen Keilrahmen spannen würde?
"Ja!"
Danach saßen wir alle wieder leicht genervt und sprachlos herum (es war um die 3. Stunde).
Der harmlose Typ wurde aufgerufen (warum er und wir nicht????), verschwand hinter einer der Türen, tauchte nach 15 Minuten wieder auf und ließ sich in seine Hartschale fallen.
"Quiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeetsch" - er hatte übersehen, dass die 6-sitzige Bank gerade mal leer und nicht am Boden befestigt war und somit einen kurzen Schieber über den Boden vollführte.
Das war ihm peinlich, da plötzlich ALLE hier Wartenden ihn ernst bis vorwurfsvoll ansahen.
Ich wollte ihn retten, weil er ja so nett zu mir gewesen war und meinte:
"Das war doch gar nicht schlimm - früher in der Schule an der Tafel - so mit Kreide - DAS hat geschmerzt!!!"
Und das Kerlchen guckt mich dankbar an und entgegnete "Waren sie Lehrerin?"
In dem Moment explodierte ein Feuerwerk von Emotionen in meinem Kopf und ich antwortete, für die schweigend aber interessiert lauschende Gemeinschaft deutlich hörbar (vielleicht sogar für meinen Patienten):
"Nein, aber Schülerin."
Ich glaube, ich denke mal über eine Typberatung nach.
Hätte er nicht fragen können "SIND Sie Lehrerin"?
Äppeltårta – Apfeltorte
vor 1 Tag


